Nähe und Ferne. Deutsche, Tschechen und Slowaken

»Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk«, das »Goldene Prag« und die Schönheit der Hohen Tatra – daran denken viele Deutsche zuerst, wenn von den östlichen Nachbarn in Tschechien und der Slowakei die Rede ist. Tschechen und Slowaken verbinden mit Deutschland immer noch teure Autos und wirtschaftliche Stärke. Es gibt jedoch weit mehr Berührungspunkte zwischen den drei Völkern. Ihren wechselvollen Beziehungen im 20. Jahrhundert geht die Wechselausstellung nach, die vom 3. Dezember 2004 bis 28. März 2005 im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu sehen war.

Mit rund 800 Originalobjekten, Film- und Tondokumenten bietet die Ausstellung einen abwechslungsreichen Blick auf das Verhältnis der drei Nachbarstaaten. Die Besucher »begegnen« unter anderem dem legendären Langstreckenläufer Emil Zátopek, der in Deutschland als »Lokomotive von Prag« auch wegen seines Engagements für den »Prager Frühling« 1968 zum Held wurde. An einem Originalelement des Botschaftszauns werden sie »Zeugen« der dramatischen Fluchtszenen des Sommers 1989 in Prag. Eine »AWO 350«, seit 1954 weltweit exportiertes Motorrad aus der Tschechoslowakei, verweist auf die lange Tradition tschechoslowakischen Fahrzeugbaus.

Fünf Schlüsseljahre gliedern den Weg des Besuchers: 1918 erfolgt die Gründung der Tschechoslowakei, deren Schicksal 1938 im Münchener Abkommen besiegelt scheint. Am Ende des Zweiten Weltkriegs steht die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Die Machtübernahme der Kommunisten 1948 schafft neue Voraussetzungen für die Beziehungen mit dem nunmehr geteilten Deutschland. Im Sommer 1968 zerstören Truppen des Warschauer Pakts die Reformhoffnungen des »Prager Frühlings«. Der Sieg der Demokratiebewegung in der Tschechoslowakei und der DDR 1989 markiert einen entscheidenden Wendepunkt.

Das Verhältnis zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken ist von großer Nähe und tief greifenden Brüchen geprägt. Als Inbegriff der engen Verflechtungen gilt das Prager Kaffeehaus, in dem sich bis 1938 eine multikulturelle Welt entfaltet. Die Ausstellung macht die Besucher zu »Tischnachbarn« berühmter Kaffeehaus-Gäste wie des Schriftstellers Franz Kafka, des Schwejk-Autors Jaroslav Hašek und der Kafka-Übersetzerin Milena Jesenská.

Die nationalsozialistischen Verbrechen zerreißen die Gemeinsamkeiten. Das Ghetto Theresienstadt und die Ermordung der Bewohner von Lidice und Ležáky stehen für die Schrecken dieser Zeit. Bei Kriegsende entlädt sich der angestaute Hass vieler Tschechen und Slowaken in »wilden« Vertreibungen. Drei Millionen Sudetendeutsche müssen ihre Heimat verlassen und im kriegszerstörten Deutschland einen Neuanfang finden. Mit beeindruckenden Exponaten erinnert die Ausstellung an die Opfer der Gewaltherrschaft und an das Schicksal der Vertriebenen.

Trotz aller Lasten der Vergangenheit bestehen jedoch immer Brücken zwischen den Völkern: Deutsche Emigranten suchen in der Tschechoslowakei Zuflucht vor dem Nationalsozialismus, nach dem Krieg knüpfen Künstler, Schriftsteller und Sportler neue Verbindungen, seit 1989 gehört der Jubel der DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft der Bundesrepublik zu den glücklichen Erinnerungen der Deutschen.



Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

»Freunde, Brüder, Okkupanten. Zu den Beziehungen zwischen DDR und Tschechoslowakei«, zusammen mit Anne Martin, S. 100-111

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© Daniel Weißbrodt