Leipziger Internet Zeitung

Die packende Geschichte davon, wie sehr die Einführung des Grundeinkommens Deutschland verändern würde

[...] Daniel Weißbrodt hat sich wie kein anderer tief hineingearbeitet in die Grundkonzepte dessen, was mittlerweile immer wahrnehmbarer als Grundeinkommen diskutiert wird. [...]

[In einem] Stil, der sehr an den unnachgiebigen Ton moderner Berichterstattung wie etwa im »Spiegel« erinnert: Fakt und Ereignis reihen sich aneinander. Das, was geschehen ist, ist das, was berichtet wird.

Als Erzähler begibt er sich ins Jahr 2050 und berichtet, als wüssten es die Menschen im Jahr 2050 alle nicht mehr, wie es dazu kam, dass der CDU-Mann Vincent Albrecht 2029 zum Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl wurde und als Bundeskanzler tatsächlich daranging, das Grundeinkommen für alle einzuführen.

Dem voraus gehen in Weißbrodts Erzählung Krisen aller Art. Im Grunde das, was wir heute schon erleben in immer neuen Formen und wachsender Menge. Damit ist er nicht der einzige Autor, der die aktuelle Form unseres Wirtschaftens für die Ursache all dieser Katastrophen hält. Und er bleibt nicht bei der oberflächlichen Beschreibung, wie es unsere großen Magazine und Zeitungen heute tun, die die Zerstörung unserer Welt geradezu als Shakespearsche Tragödie beschreiben, als wäre das alles natur- oder gottgegeben und wir schauten als Publikum nur zu und könnten nichts dran ändern. [...]

Er zitiert Zeitschriften, Zeitungen und Bücher, die noch gar nicht erschienen sind. Aber die Zitate frappieren, weil sie sehr realistisch wirken. Man ist regelrecht geneigt nachzuschauen, ob er nicht sogar direkt aus heute schon erschienenen Büchern der neuen Ökonomie zitiert. Aber augenscheinlich hat er die beiden Schreibaufenthalte im Künstlerdorf Schöppingen tatsächlich dazu genutzt, seinen Text so zu feilen, bis er tatsächlich wie der Text eines echten Geschichts(lehr)buches wirkte mit Zitaten, die regelrecht dazu animieren nachzulesen, was die Zitierten sonst noch so gesagt haben. [...]

 

Zeit für Zitate:

»Die neoklassische Wirtschaftswissenschaft ist die wohl einzige Wissenschaft, die an ihren Grundannahmen, selbst wenn sie sich als falsch herausgestellt haben, unbeirrt festhält«, zitiert Weißbrodt die von ihm erfundene Wirtschaftswissenschaftlerin Johanna Hohenberg. Und weiter: »Der Homo oeconomicus sucht stets seinen Vorteil, er bezieht allein nüchterne Berechnungen in seine Überlegungen ein, er wägt alle Vor- und Nachteile kühl ab, ist immer vollständig informiert und handelt unter allen Umständen rational. Der Homo oeconomicus kennt keine Emotionen, keine Zuneigung und kein Mitgefühl. Großzügigkeit, Verpflichtungen und soziale Bindungen sind ihm fremd. Seine Bedürfnisse beschränken sich auf materiellen Besitz, und was man nicht kaufen kann, existiert nicht für ihn. Bildung und persönliche Entwicklung spielen für ihn keine Rolle, ebenso wenig wie Kultur oder die Frage nach dem Sinn seiner Existenz. Der Homo oeconomicus kennt keine Schwächen, keine Fehler, keine Reue und keine Scham. Er ist missgünstig, misstrauisch und bereit, jedes Verbrechen zu begehen, wenn das Risiko erwischt zu werden, nur gering ist und der Gewinn hoch genug. Er würde seine Großmutter verkaufen, wenn es einen Käufer für sie gäbe. Aus dem worst-case-Modell wird das Standardmodell menschlichen Verhaltens im ökonomischen Kontext.« So komprimiert hat das noch keiner geschrieben. Und es stimmt. […]

An anderer Stelle lässt Weißbrodt seine erfundenen Wissenschaftler unseren heutigen Glauben an das BIP auseinandernehmen, dessen Rolle ja aufs Engste mit dem Wachstumsmantra etwa von Angela Merkel zusammenhängt – und damit mit dem in allen westlichen Staaten zu beobachtenden Auseinanderdriften von Arm und Reich. […]

 

Wer aber setzt so ein Projekt um?

Wer sich also auf die deutsche Geschichte der Jahre 2022 bis 2050 einlässt, bekommt ordentliches wissenschaftliches Rüstzeug mit, so pointiert eingeführt, dass der Leser auch versteht, was die Einführung eines Grundeinkommens in Deutschland im Jahr 2032 tatsächlich bewirkt und bedeutet. Dass Weißbrodt dafür ausgerechnet einen besonnenen CDU-Bürgermeister als Akteur nimmt, ist natürlich ein besonderer Spaß an der Geschichte.

Aber Albrechts Wahl geht ja im Buch eine lange Reihe von Krisen voraus, in denen sich all die rabiaten Instrumente, die heutige Konservative bevorzugen, wenn sie »Ordnung und Sicherheit« durchsetzen wollen, als fatal und unwirksam erwiesen haben. [...]

 

Die panische Angst in unserer heutigen Welt

Und hier endet das Buch nicht. Im Gegenteil: Hier geht es erst richtig los, denn ab hier schildert Weißbrodt, wie das Grundeinkommen eine ganze Gesellschaft verändert. [...]

Man merkt schnell, wie sehr alle unsere heutigen Probleme mit dem falschen Denken einer gnadenlos neoliberalen Wirtschaftsdenkweise zu tun haben, wie menschliche Arbeitskraft geplündert wird und Menschen regelrecht zermahlen werden, stets mit der Angst im Nacken, dass sie ganz nach unten abstürzen, wenn sie diese zerstörerischen Jobs nicht annehmen.

Sehr anschaulich schildert Weißbrodt, was höchstwahrscheinlich passieren wird, wenn ein Land wie Deutschland sein Steuermodell und sein Sozialsystem radikal entschlackt und vereinfacht, all die misstrauischen Bürokratien abbaut, die ganzen komplizierten Steuergesetze so einfach macht, dass Steuerbetrug fast unmöglich ist, und das verfügbare Geld einfach allen Menschen monatlich zur Verfügung stellt. Bedingungslos. [...]

Das Verblüffende in Weißbrodts Geschichte ist, dass er bildhaft erzählen kann, was alles an diesem alten falschen Denken vom »ewigen Wachstum« hängt, wie viele unserer heutigen Katastrophen nicht bewältigt werden können, weil die brachiale Wucht dieses Denkens es verhindert. [...]

Deshalb kann man nur empfehlen: Lesen. Lesen und verstehen, welche Logik Weißbrodts Zukunftsvision antreibt – und warum dieses Buch von möglichst vielen gelesen werden sollte. Denn es schildert die Funktionsweise des Grundeinkommens so anschaulich wie bislang noch kein Buch zum Thema. [...]

Was Weißbrodt vorlegt, ist eine Vision. Und zwar eine machbare. Eine, die unser Denken über Wirtschaft und Staat verändert. Und verändern muss. Denn das, was wir derzeit als blinden Wachstumsglauben haben, führt ganz eindeutig in eine Katastrophe.

 

Ralf Julke am 20. Januar 2019 in der Leipziger Internet Zeitung

 

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© Daniel Weißbrodt