Links und rechts des Sitzes liegt je eine Wasserflasche, links eine Tüte Haselnüsse und eine mit Rosinen, das ist mein Müsli für unterwegs. Rechts vom Sitz das Fernglas, denn mittlerweile ist der Fluss so breit, dass, wenn am anderen Ufer ein Schild mit der Flusskilometrierung steht, die Zahl mit bloßem Auge nicht mehr lesbar ist, daneben die Flasche mit der Sonnencreme und eine leere Plastikflasche, der ich das obere Ende abgeschnitten habe. Meine Ente. Ich kann schließlich nicht immer ans Ufer, wenn ich mal muss.

Die Kinder sind etwa zehn Jahre alt und tragen Schwimmwesten, sie sitzen ganz alleine in ihren Hartschalenkajaks und paddeln mit voller Kraft. Ein Junge startet auf gleicher Höhe mit mir, er legt sich ins Zeug und versucht mich  einzuholen. Ich sehe zu ihm und paddle auch schneller. Seine Klassenkameraden am Ufer feuern ihn an. Eine Zeitlang bleibe ich gleichauf, lasse mich dann aber zurückfallen und er gewinnt knapp. Als er die Ziellinie erreicht, legt der Sportlehrer die Hände zum Trichter an seinen Mund.

     »Du kannst Dir die Silbermedaille bei der Siegerehrung heute Nachmittag um vier auf dem Schulhof abholen!«, ruft er mir zu.

Er klopft dem Jungen, der erschöpft am Steg anlegt und stolz zu mir herübersieht, auf die Schulter und winkt mir zu. Die Kinder lachen und winken und ich winke zurück.

Ein kleines Mädchen setzt sich neben mich und zeigt mir voller Stolz ihr rosafarbenes Spielzeughandy. Sie geht noch nicht in die Schule und spricht kein Wort Englisch, sie erzählt mir einfach alles auf Serbisch und ich höre ihr zu und sage auf Deutsch, dass das ein ganz besonders schönes Handy ist, ein viel schöneres als mein altes, abgewetztes. Wir verstehen uns ausgezeichnet.

Dunst liegt über der Bucht, es ist ganz still und in der bläulichen Dämmerung weiß ich mit einem Male nicht mehr, wo ich bin. Wie unter Wasser, wie tauchend, wie schwebend fahre ich durch den lautlosen und jedes Geräusch verschluckenden, blauen Nebel und ich weiß nicht mehr, wo oben ist und wo unten, wo links und wo rechts. Ich fahre auf einen Ort zu und ich weiß nicht, ob es ein serbisches oder ein bulgarisches Dorf ist, ein ungarisches oder ein deutsches. Ich bin irgendwo und nirgendwo, vielleicht irgendwo in Europa und vielleicht an irgendeinem anderen Ort auf der Welt, überall und nirgends zugleich, rote Ziegeldächer schimmern zwischen blaugrünem Wald, die Hügel dampfen und wie in einem Traum gleite ich über den Fluss.

Am Nachmittag treiben Muscheln im Wasser. Es sind hunderte Flussmuscheln, die knapp einen Zentimeter aus dem Wasser ragen, die braungrünlichen Schalen leicht geöffnet, zwischen denen das Fleisch hellrosa schimmert. Es scheint, als seien sie alle gemeinsam aus der verborgenen Tiefe des Grundes an die Oberfläche gestiegen und würden nun flussabwärts wandern. Einige sind klein, andere fast so groß wie meine Hand. Wohin schwimmen sie? Gibt es Muschelwanderungen? Ich weiß es nicht.

Am Abend begegne ich einem Fischerboot. Einer der beiden Männer wirft das Netz aus, der andere rudert einen Halbkreis. Erschöpft lasse ich das Paddel sinken und sehe ihnen zu.

Der eine ruft mir etwas zu und ich sage, dass ich nur wenig Russisch verstehe.

     »Aber sto gram verstehst Du?«, fragt er, grinst und schwenkt eine Flasche Vodka.

     »Ja«, sage ich. »Sto gram versteht jeder Deutsche!«

Ich fahre zu ihnen, lege neben dem Fischerboot an und halte mich an der Bordwand fest, während der Mann zwei Gläser Vodka einschenkt. Sie fassen tatsächlich nahezu hundert Gramm und wir stoßen an.

     »Ich bin Dima«, sagt der Mann und leert sein Glas.

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© Daniel Weißbrodt